Ansprache der Landrätin “Gedenkveranstaltung anlässlich des 69. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslager S III”

29. März 2014

Sehr geehrter Herr Attaché der Russischen Föderation, Alexander Nadjeschdin, sehr geehrter Herr Bürgermeister Alexander Dill, verehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages und des Thüringer Landtages, liebe Kolleginnen und Kollegen, Kreistagsmitglieder, meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich, Sie heute hier im Jonastal, begrüßen zu können, um an den 69. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers S III zu gedenken.

Am 5. April 1945 ist dieses KZ von amerikanischen Truppen befreit worden. Für die hier unter unmenschlichsten Bedingungen Zwangsarbeit leistenden Häftlinge hatte damit ein Martyrium ein Ende gefunden.

Das Mahnmal, an dem wir uns heute hier versammelt haben, zeigt einen Teil des KZ´ Buchenwald. Die Häftlinge aus dem Konzentrationslager Buchenwald begannen mit der Errichtung eines Außenlagers für die Häftlinge, die für die Arbeiten dazu im Jonastal zwischen Crawinkel und Arnstadt eingesetzt werden sollten. „Außenlager“, meine sehr geehrten Damen und Herren, ist dabei noch eine milde Umschreibung der Zustände.

Die Menschen waren in Zelten und Erdlöchern untergebracht. Bei härtester körperlicher Arbeit, völlig unzureichenden Verpflegung und im Winter. Viele haben die damit verbundenen Torturen nicht überlebt. Wie viele hier den Tod fanden, hat niemand exakt feststellen können.

„Vernichtung durch Arbeit“ haben die Faschisten das genannt. Und vielen von denen, die bis Anfang April 1945 diese Hölle hier überlebt hatten, drohten neue Grausamkeiten. Sie wurden auf Todesmärsche geschickt, die den traurigen Schlusspunkt des KZ Ohrdruf markierten. Die Häftlinge sollten unter keinen Umständen den alliierten Truppen in die Hände fallen. Noch am 18. April 1945 hat der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, dazu den Befehl gegeben. Nach dem Willen der Nazis sollten sich die KZ-Häftlinge zu Tode marschieren.

13.000 Opfer haben diese Todesmärsche allein hier in Thüringen gefunden. Unvorstellbar.

Nachdem das Lager von den amerikanischen Truppen befreit worden war, begann für uns Deutsche die Aufarbeitung von Schuld, auch von persönlicher. Aber auch die Chance für einen Neuanfang.

Seitdem sind 69 Jahre vergangen. Die Gedenkveranstaltung hier am Mahnmal für die Opfer und Überlebenden des Sonderlagers S III hat Tradition. Es ist ein festes  Datum der Erinnerungskultur in unserem Landkreis und in der Stadt Arnstadt.

Diese Gedenkveranstaltung ist aber auch immer wieder ein guter Anlass daran zu erinnern, dass wir solche Veranstaltungen nicht zum sinnentleerten Ritual werden lassen dürfen. Sondern uns hier auch immer befragen, was aktuell zu tun ist, um so etwas, wie damals nie wieder möglich werden zu lassen.

Ich bin davon  überzeugt, dass solche Veranstaltungen wie die heutige hier im Jonastal geeignet sind, die demokratischen Kräfte in unserer Gesellschaft zu stärken.

Denn das ist überaus wichtig, wenn wir uns die Geschehnisse der letzten Jahre und der letzen Zeit vergegenwärtigen. Das Parkett rassistischer Strömungen ist vorhanden: Unter dem Deckmantel der Demokratie wird es dort betreten und missbraucht. In diesem Zusammenhang möchte ich das Stichwort NPD-Verbotsverfahren nennen. Ich finde es einfach unerträglich, einfach nicht tolerabel, dass eine Partei wie die NPD überhaupt eine Existenzberechtigung genießt. Sie nimmt demokratische Prinzipien für sich in Anspruch, tritt diese umgekehrt aber in ihrer ganzen politischen Ausrichtung mit Füßen. Ich weiß, dass mit dem Verbot dieser Partei rechtsextremes Gedankengut nicht aus der Welt geschaffen wäre, aber es wäre ein deutliches Signal – ein Signal der Einheit, dass neofaschistischen Kräften in Deutschland per Gesetz Einhalt geboten wird.

Seit gut einem Jahr erleben wir eine neue Etappe der Auseinandersetzung mit faschistischer Ideologie: Den Prozess gegen Beate Zschäpe und weiteren Mitgliedern und Unterstützer des Nationalsozialistischen Untergrund NSU. Tagtäglich hören wir in den Medien von neuen Verstrickungen und Verquickungen, von Seil- und Machenschaften. Noch immer wissen wir nicht, welche Rolle die V-Leute im NSU- Unterstützwerk innehatten und was am 4. November 2011 in Eisenach geschah.

Bundespräsident Joachim Gauck sagte bei seiner Antrittsrede im Deutschen Bundestag: „Euer Hass ist unser Ansporn“. Und diese Meinung teile ich. Feinde der Demokratie und des friedlichen Miteinanderlebens dürfen wir nicht gewähren lassen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, Sie haben gewiss mitverfolgt, was an den letzten beiden Wochenenden erneut in Kirchheim stattfand: Gleich zweimal hintereinander trafen sich dort Mitglieder der NDP, um ihre Kongresse abzuhalten. Ich war vor Ort mit vielen anderen Menschen, die deutlich machten, dass wir soetwas nicht dulden. Nicht in Kirchheim, nicht im Ilm-Kreis und auch sonst nirgendwo.

Mit unserer Gedenkveranstaltung heute erinnern wir nicht nur an die Opfer des Faschismus – wir demonstrieren auch die Ablehnung jeglichen faschistischen Geistes in unserer gesellschaftlichen Mitte. Denn dort sind die Rechtsradikalen längst angekommen. Seit geraumer Zeit können wir beobachten, dass sich neofaschistische Tendenzen neu formieren, organisieren und gegen unsere Demokratie mit all ihren Grundrechten kämpfen. Das erfüllt mich mit größter Besorgnis. Schon die Jüngsten versuchen sie mit ihrer rechten Propaganda zu vereinnahmen. Mit ihrer „Sündenbock-Rhetorik“ versuchen sie sich Gehör zu verschaffen u. gehen damit auf Stimmenfang. Leider gelingt es ihnen immer wieder, Menschen für ihre Ziele und Zwecke einzunehmen.

Das macht es für uns umso wichtiger, schon bei den Jüngsten wichtige Aufklärungsarbeit zu leisten. Sie zu sensibilisieren – auf schwierige Fragen, wie dem WARUM? Und WIESO?, nicht immer leichte Antworten zu geben. Und diesen Teil der Geschichte nicht als bloße Zeilen im Geschichtsbuch abzutun, sondern, dass in ihr Menschen, deren Schicksale und deren Leid liegen.

Dass sich die dunkelste Epoche unserer Geschichte nicht wiederholen darf, ist uns Allen bewusst. Ist Ziel unserer Gedenkveranstaltung heute. Das ist für uns Demokraten eine immer währende Herausforderung. Es ist aber auch eine Verantwortung denen gegenüber, die dieses unermessliche Grauen selbst erlebt haben und deren Andenken wir uns verpflichtet fühlen.

Ich bin sehr froh, dass Sie alle dazu heute einen Beitrag leisten und ich als Landrätin die Gelegenheit habe, die Arbeit meiner Vorgänger im Amt auf diesem Gebiet fortsetzen zu können.

Es ist wichtig, heute an diesem Platz, daran zu erinnern und dafür zu sorgen, dass dies nie in Vergessenheit gerät.

Sehr geehrter Herr Attaché Alexander Nadjeschdin, nochmals vielen Dank für Ihr Kommen. Demokratie ist für Deutschland eine Herzensangelegenheit – ich hoffe, davon konnten Sie sich überzeugen.

Mein großer Dank gilt auch dem Verein „Geschichts- und Technologieregion Großraum Jonastal e.V.“ mit seinem Vorsitzenden Johannes Alt, dem es zu verdanken ist, dass wir heute viel über die Geschehnisse und Vorgänge  an diesem Ort wissen und der auch die ständige Pflege dieser Gedenkstätte übernommen hat.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wir wollen mit dieser Gedenkveranstaltung dafür Sorge tragen, dass die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse, die hier vor 69 Jahren ein Ende fanden, wach gehalten wird. Dankbar schauen wir auf 69 Jahre Frieden zurück.

Ich möchte meine Ausführungen mit den folgenden Worten des Zeitzeugen Leon Kolenda schließen:

„Trotz meiner Schwäche und Krankheit stellte man im Lager Buchenwald fest, dass ich arbeits- und transportfähig bin. Ich wurde also am 6. November 1944 mit der ersten Gruppe, etwa 300 Häftlinge, in das Kommando Ohrdruf geschickt. Dort erhielt ich die Nummer 103921. Mit Lastwagen wurden wir durch Weimar, Erfurt, Gotha und Ohrdruf gefahren.

Hier begann für mich, für hunderte und später für tausende Häftlinge der schwerste und tragischste Abschnitt meines Lebens.“

Diese Worte haben mich tief berührt.

Und sie sind mehr als nur Zeugnis der grausamsten Epoche unserer Geschichte:

Sie sind für uns Mahnung und Warnung zugleich.

Das Leid der Häftlinge wie auch die Taten ihrer Peiniger sollen nicht vergessen sein. Verneigen wir uns vor den Opfern, die hier litten und starben.

Vielen Dank!