72. Jahrestag der Befreiung 8. Mai 2017

9. Mai 2017

Rede zum 72. Jahrestag der Befreiung. Arnstadt, 8. Mai 2017, Friedhof

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Freunde,

hier, auf diesem Gräberfeld des Arnstädter Friedhofes haben seit über 70 Jahren sowjetische Soldaten und Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter fern ihrer Heimat ihre letzte Ruhestätte gefunden. Es ist eine gute Tradition, dass alljährlich am 8. Mai auf jedes dieser Gräber ein Blumengruß gelegt wird. Ein Blumengruß – als Gleichnis dafür, dass Keiner vergessen ist.

Es ist aber auch genauso eine Mahnung, dass Leid der hier begrabenen Menschen zum Anlass zu nehmen, um daran zu erinnern, welche Grausamkeiten, welche Menschenverachtung Kriege hervorbringen und diese Veranstaltung ist für uns Anwesende stets eine Verpflichtung, alles dafür zu tun, dass so etwas nicht wieder vorkommt.

2017 ist es von zunehmender Bedeutung, dass 72 Jahre nach Kriegsende immer weniger Zeitzeugen leben, die von damals berichten können. Denn, es ist eine Erfahrung, nichts ist beeindruckender, als wenn Menschen, die das tatsächlich erlebt haben darüber reden. Ich sehe Jochen Traut und andere hier, die diese Zeit bewusst miterlebt haben und hoffe, dass sie bei guter Gesundheit uns noch viele Jahre helfen können, an dieses traurigste Kapitel deutscher Geschichte zu erinnern.

Ich erinnere mich an Gustaf Schliefke, Überlebender des KZ Auschwitz aus Ilmenau, der über diese Zeit sprach. Ich sehe ihn heute noch, vor Schüllerinnen und Schülern sprechen. In der Aula der Großbreitenbacher Schule, in der über 100 Schüler zusammen gekommen waren,  war es so still, so lauschte man seinen Erzählungen, dass man eine Nadel hätte zum Boden fallen hören. Und ich erinnere mich, im April vor 2 Jahren hatten wir Pedro Mischtschuk zu Gast im Ilm-Kreis, ukrainischer KZ-Häftling des Sonderlagers S III Ohrdruf, der davon berichtete, wie er im Jonastal unter barbarischsten Bedingungen Zwangsarbeit leisten musste.

 

Die Bilder, die ich als Augenzeuge erleben konnte, als er gemeinsam mit Oberst Dillert, der als amerikanischer Soldat im 2. Weltkrieg gegen die deutsche Wehrmacht kämpfte und Albrecht Dürer aus Liebenstein, der als Schuljunge in den Apriltagen des Jahres 1945 Zeuge der Ermordung von 12 KZ-Häftlingen  in seinem Dorf geworden ist, die sich auf den Todesmarsch befunden haben.

Dieses Bild von 3 betagten aber rüstigen Männern, Arm in Arm, im Jonastal an den Eingängen zu den Stollen, das werde ich nie vergessen.

Und was mir aufgefallen ist: Kein Hass auf Deutschland, bei keinem. Aber eine klare Botschaft: Achtet die Würde der Menschen, geht friedlich miteinander um, lebt Toleranz und Nächstenliebe, lasst keine Kriege mehr zu!

 

Diese Bilder, liebe Freunde, meine sehr geehrten Damen und Herren, gilt es zu bewahren. Es gilt aber auch, dass wir als Nachgeborene unser Wissen, unsere Einstellung und Haltung, die wir aus erster Hand übermittelt bekommen haben, wach halten und dafür sorgen, dass dies nicht vergessen wird.

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich sage: Es gehört zu der von uns wach zu haltenden Erinnerungskultur, dass wir den 8. Mai als Tag der Befreiung in würdiger Form begehen. Er gehört zu unserem Leben. Er hat sich in die deutsche Geschichte eingebrannt.

Der 8. Mai 1945 markiert das Ende des 2. Weltkrieges in Europa. Als Gedenktag erinnert er jährlich an die tiefe Zäsur von 1945: Den Neuanfang und die Befreiung von Krieg und Faschismus.

Heute ist der 8. Mai als Gedenktag für das Selbstverständnis der Bundesrepublik nicht mehr wegzudenken.

Wir wissen: Das war nicht immer so.

Wir wissen aber auch, selbst heute, sind wir bei diesem Selbstverständnis, einen solchen Tag gemeinsam zu begehen, noch immer nicht angekommen.

Bei der Gedenkveranstaltung im April im Jonastal zum Beispiel, waren neben dem Bürgermeister der Kreisstadt Arnstadt, Herrn Alexander Dill, vom Kreistag nur die Fraktionen der Linken und von SPD/Grüne vertreten.

Ich sage: Das ist nicht nur Nachlässigkeit!

Liebe Freunde,

auch in diesem Jahr begehen wir gemeinsam mit vielen Menschen in Europa und der ganzen Welt den nunmehr 72. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus. Wir erinnern daran: Mehr als 55 Millionen Menschen fielen Naziterror, Holocaust und Vernichtungskrieg zum Opfer. Sie bezahlten den deutschen Griff nach der Weltherrschaft mit unvorstellbarem Leid und ihrem Leben.

Das darf nicht vergessen werden.

Altbundespräsident Richard von Weizäcker hat in seiner großen Rede am 8. Mai 1985 vor dem Deutschen Bundestag dazu gesagt:

„Das Vergessenwerden verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“.

Um dieses „vergessen“ und „erinnern“ geht es, meine sehr geehrten Damen und Herren.

Wir dürfen das zwischen 1933 und 1945 in Deutschland geschehene nicht vergessen und wir wollen uns ganz bewusst – erinnern.

Wir wollen keinen Schlussstrich unter die Vergangenheit. Wir wollen aus ihr lernen.

Und aus ihr zu lernen heißt, die Irrtümer und Verfehlungen zu kennen, die in die Katastrophe geführt haben. Das heißt auch, um die Schuld der Vorfahren zu wissen, unserer Vorfahren.

Die SS-Angehörigen, die hier vor 72 Jahren  KZ-Häftlinge auf einen Todesmarsch nach Buchenwald trieben und Schwache und Kranke erschossen haben, waren Deutsche. Viel zu viele haben davor und bis zu letzt weggesehen. Das ist Teil unserer Geschichte, liebe Freunde. Zweifelsohne der grausamste.

Ich sage weiter: Wir dürfen angesichts des unvorstellbaren Leids, das von Deutschland während des 2. Weltkrieges ausging und in Europa bis zum Ende, am 8. Mai 1945 anhielt, auch nicht der Versuchung erliegen, diese damit verbundene Schuld in irgendeiner Art und Weise zu relativieren. Diese Schuld war einzigartig. Das kann nicht relativiert werden. Durch nichts!

Was nicht heißt, liebe Freunde, dass wir nicht darüber reden dürfen.

Wir müssen über Flucht und Vertreibung reden. Auch darüber, dass nach dem 8. Mai 1945 die Spaltung Europas begann und die 45 Jahre andauerte.

Aber wir dürfen damit nicht versuchen, uns von unserer Schuld rein zu waschen.

Und wenn ich noch eine dritte Lehre sagen kann: Deutschland hat bedingt durch die Geschichte des 2. Weltkrieges eine besondere Verantwortung, wenn es um den Osten unseres Kontinents geht. Bei aller Unterschiedlichkeit der Bewertung der Entwicklung in der Ostukraine zwischen Russland und der europäischen Union. Der Bundesrepublik fällt die Verantwortung zu, in besonderer Weise dafür einzutreten, dass Frieden die wichtigste Maxime unseres Handelns sein muss.

Es wird dort keine militärische Lösung geben.

Mehr noch, der militärische Faktor darf dort und nirgends auf der Welt, nicht in Syrien, nicht im Irak, zum bestimmenden Instrument der Politik werden.

Es muss endlich Schluss sein mit deutschen Waffenlieferungen. Diese Waffenlieferungen sind mit die entscheidende Ursachen für Krieg, Unterentwicklung, Armut und Hunger. Sie treiben Millionen Menschen auf die Flucht. Sie lösen kein einziges Problem.

Im Gegenteil – sie schaffen immer neue.

Und es ist auch nicht hinnehmbar, dass ganz in unserer Nähe auf dem Truppenübungsplatz in Ohrdruf, deutsche Soldaten für militärische Einsätze, für Auslandseinsätze vorbereitet werden. Denn wir müssen uns bewusst sein: Damit beginnt Krieg hier!  Deshalb müssen wir gerade an einem solchen Tag, wie dem heutigen, einfordern, den Truppenübungsplatz Ohrdurf endlich stillzulegen und nach nunmehr über 100 Jahren einer friedlichen Nutzung zuzuführen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Freunde und Genossen,

Sinn solcher Veranstaltungen wie der heutigen, aus Anlass des Tag der Befreiung sollte es vor allem sein, eine öffentlich wirksame Geste des Mitgefühls, der Solidarität und der Freundlichkeit, gerichtet an die von Deutschland überfallenen Völker, an die Familien der ermordeten, verschleppten und geschundenen Zivilisten, an die Opfer und Hinterbliebenden des industriellen Massenmordes an den europäischen Juden, aber auch an die gefallenen, verkrüppelten und ermordeten Soldaten der Antihitlerkoalition, an Sowjetsoldaten der Roten Armee, an amerikanische GI, an Briten, an Franzosen, an alle, die mit dazu beigetragen haben, Deutschland vom Faschismus zu befreien.

Lasst uns gedenken:

Wir gedenken

aller Soldaten, die im 2. Weltkrieg starben,

der Opfer, die durch die Kriegshandlungen oder danach- in Gefangenschaft,

als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

 

Wir gedenken derer,

die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten,

einer anderen Rasse angerechnet wurden oder

deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

 

Wir gedenken derer,

die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen die Naziherrschaft leisteten,

um die Opfer von Verschleppung, Verfolgung und Zwangsarbeit.

Lasst uns am heutigen Tag das Bekenntnis erneuern:

Nie wieder Krieg!

Nie wieder Faschismus!

Nie wieder Gewaltherrschaft!